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Brexit: Deutsche Automobil- und Pharmabranche am meisten betroffen

28. Juni 2016

 

Der nach dem UK-Referendum anstehende Brexit wird sich auch auf die deutsche Industrie auswirken. Immerhin gingen 2015 7,5% aller deutschen Warenausfuhren nach UK. Damit war UK – hinter den USA und Frankreich – der drittwichtigste Exportmarkt für Deutschland. Die Automobil- und Pharmaindustrie dürften den Brexit am stärksten zu spüren bekommen. Hier ist der Anteil von UK an den gesamten Ausfuhren der jeweiligen Sektoren mit 12,8% bzw. 10,5% besonders hoch. Zudem verzeichnen beide Sektoren insgesamt eine überdurchschnittlich hohe Exportquote. Auf Unternehmensebene dürfte das UK-Referendum schon kurzfristig Einfluss auf Investitionsentscheidungen und die Preisgestaltung deutscher Unternehmen in UK haben.

Nach dem UK-Referendum über den Austritt aus der EU haben wir unsere BIP-Wachstumsprognosen für das Jahr 2017 für UK, Deutschland sowie für die EU insgesamt nach unten angepasst. Zudem rechnen wir mit einer Abwertung des britischen Pfunds (nicht nur) gegenüber dem Euro. UK war 2015 für Deutschland – hinter den USA und Frankreich – der drittwichtigste Exportmarkt. Auf das Land entfielen 7,5% aller deutschen Warenexporte. 2010 waren es erst 6,1%. UK hat in den letzten Jahren als Absatzmarkt für deutsche Exporteure also an Bedeutung gewonnen. Hilfreich war dabei die Schwäche des Euro, der zwischen 2010 und 2015 gegenüber dem britischen Pfund (GBP) um 15% abwertete.

aWelche Industriebranchen in Deutschland dürften am stärksten vom (erwarteten) geringeren Wirtschaftswachstum in UK bzw. der wahrscheinlichen GBP-Abwertung betroffen sein? Um diese Frage aus volkswirtschaftlicher Perspektive beantworten zu können, haben wir für die Sektoren des Verarbeitenden Gewerbes zum einen den Anteil von UK an den gesamten Ausfuhren der jeweiligen Branche ermittelt. Zum anderen ziehen wir die Exportquote auf Branchenebene heran. In der ersten Grafik sind für beide Variablen die jeweiligen Abweichungen der einzelnen Branchen vom Durchschnitt des gesamten Verarbeitenden Gewerbes dargestellt; das Verarbeitende Gewerbe erreichte 2015 eine Exportquote von 49,7%.

Im rechten oberen Quadranten befinden sich demnach jene Sektoren, die einen besonders hohen Anteil ihrer Ausfuhren nach UK liefern und zugleich überdurchschnittlich exportintensiv sind. Beide Kriterien treffen auf die Automobilindustrie sowie die Pharmabranche zu. Diese beiden Sektoren dürften also am stärksten vom sogenannten Brexit betroffen sein. Die deutsche Automobilindustrie lieferte 2015 12,8% ihrer Exporte nach UK (Platz 2 hinter den USA) und kam insgesamt auf eine Exportquote von 64,9%. In der Pharmaindustrie machte UK 10,5% aller Ausfuhren der Branche aus (Platz 3), die Exportquote lag im letzten Jahr sogar bei 67%.

Für beide Sektoren war die Nachfrage aus UK in den letzten Jahren eine wichtige Konjunkturstütze. 2015 übertrafen die nominalen Ausfuhren der Automobilindustrie in Deutschland das Niveau des Vorkrisenjahres 2008 um knapp 70%; bei der Pharmaindustrie waren es im gleichen Zeitraum sogar 195%.

aFür die Automobilindustrie kommt die etwaige Wachstumsverlangsamung in UK zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Denn die Pkw-Nachfrage in UK hätte 2016/17 nach langjährigem Wachstum auch ohne Brexit ihren konjunkturellen Höhepunkt überschritten. Die erwartete Aufwertung des Euro gegenüber dem britischen Pfund verteuert Exporte aus Deutschland nach UK. Fabriken deutscher Autohersteller und Zulieferer in UK müssen nun mehr für ihre Importe zahlen. Der negative wirtschaftliche Effekt des Brexit auf die deutsche Pharmaindustrie dürfte dadurch abgemildert werden, dass die Preiselastizität der Nachfrage nach pharmazeutischen Produkten relativ gering ausfällt.

Einige deutsche Industriebranchen kommen glimpflich davon

Im rechten unteren Quadranten der Grafik befinden sich jene Sektoren, bei denen der UK-Anteil an den gesamten Exporten der Branche zwar hoch ausfällt, die jedoch insgesamt eine unterdurchschnittliche Exportquote aufweisen (Ernährungsgewerbe und Papierindustrie). Umgekehrt finden sich im linken oberen Quadranten Branchen mit einer Exportquote (weit) über dem Mittelwert des Verarbeitenden Gewerbes. Hier ist die Bedeutung von UK als Absatzmarkt jedoch weniger groß (z.B. Elektrotechnik, Maschinenbau, Chemieindustrie, sonstiger Fahrzeugbau). Diese Branchen kommen also recht glimpflich davon. Unternehmen aus der Chemie-, der Metall-, der Gummi- und Kunststoffindustrie oder der Elektrotechnik sind natürlich dadurch indirekt vom Brexit betroffen, dass sie einen recht hohen Anteil ihrer Erzeugnisse an die Automobilindustrie liefern.

Angesichts der Unsicherheiten, die mit dem anstehenden Prozess des Brexit verbunden sind, ist es derzeit schwierig, die wirtschaftlichen Auswirkungen auf deutsche Industriebranchen zu quantifizieren. Kurzfristig besteht sicherlich kein Grund für Panik, denn die Brexit-Verhandlungen werden sich über einen längeren Zeitraum hinziehen; und vorerst bleibt UK vollständiges EU-Mitglied. Auf Unternehmensebene dürfte das UK-Referendum aber schon kurzfristig Einfluss auf Investitionsentscheidungen und die Preisgestaltung deutscher Unternehmen in UK sowie auf Geschäfte zur Wechselkursabsicherung haben. Ferner dürften grenzüberschreitende Wertschöpfungsketten in den nächsten Monaten neu ausgerichtet werden

 

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