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„Positive Botschaft senden“ – Handelsblatt-Interview mit David Folkerts-Landau

David Folkerts-Landau, Chefökonom der Deutschen Bank, gibt im Handelsblatt-Interview vom 29.6. eine Einschätzung zu den Folgen des Brexit.

 

Das britische EU-Referendum hat die Märkte ins Chaos gestürzt und viel Unsicherheit geschaffen, weil keiner genau weiß, wann die britische Regierung mit ihren Austrittsverhandlungen beginnt – wie viel Schaden wird diese Unsicherheit anrichten?

Grund für die Unsicherheit ist ja nicht nur die Tatsache, dass wir nicht wissen, wann die Austrittsgespräche beginnen. Es gibt eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die die Unsicherheit vergrößern – allen voran, dass die meisten Beobachter an den Finanzmärkten einen ganz anderen Ausgang erwartet haben. Hinzu kommt: Wir wissen noch nicht einmal, wann Großbritannien wieder eine Regierung hat, die den EU-Austritt offiziell erklären will – und wie die EU in den Austrittsgesprächen reagieren wird. All das zusammengenommen erklärt die Turbulenzen. Wer jetzt Investitionen in Großbritannien erwägt, um sein Unternehmen zu erweitern oder ein Haus zu kaufen, wartet erstmal ab. Wir werden daher schon bald die Auswirkungen auf die Wirtschaft sehen.

 

In Form einer Rezession im dritten Quartal?

Nein, aber Anfang des kommenden Jahres könnte das der Fall sein. Selbst dann dürfte das jedoch nur von kurzer Dauer sein, denn die britische Wirtschaft ist im Großen und Ganzen in einer guten Verfassung.

 

Eine ganze Reihe von Volkswirten hat ihre Wachstumsprognosen für Großbritannien bereits deutlich gesenkt – was macht Sie so optimistisch, dass es so schlimm nicht sein wird?

Der tiefe Fall des Pfunds wird Exporte um zehn Prozent oder mehr verbilligen. Davon dürfte die Exportwirtschaft profitieren. Wenn Großbritannien eine global orientierte, liberale und innovative Volkswirtschaft bleibt, wird ein Brexit der britischen Wirtschaft auf längere Sicht betrachtet keinen allzu großen Dämpfer versetzen.

 

Viel hängt aber davon ab, worauf sich London und Brüssel nach einem Brexit einigen.

Ich gehe davon aus, dass die EU und Großbritannien weiter sehr enge Beziehungen pflegen werden – angesichts dessen, wie sehr sich beide gegenseitig brauchen. Ich bin zuversichtlich, dass die Gespräche unter der Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel gut und friedlich verlaufen werden. Denn es sind ja erwachsene Menschen, die sich da an einen Tisch setzen. Es ist aber jetzt schon klar, dass Einwanderung ein schwieriger Punkt sein wird. Wenn Großbritannien weiter Teil eines Binnenmarktes sein will, wird die EU auf eine gewisse Freizügigkeit bestehen. Umgekehrt muss das Abkommen die Migration nach Großbritannien einschränken, damit London es akzeptieren kann. Denn das Referendum war ja eigentlich eine Abstimmung über das Thema Einwanderung.

 

Weil viele Briten meinen, Einwanderung schade dem Land, aber Experten sagen das Gegenteil.

Ja, unter dem Strich profitiert Großbritannien von Einwanderung. Die Vorteile sind aber sehr ungleich verteilt. London ist ein Nutznießer der Einwanderung, in ländlichen Gegenden sieht es aber ganz anders aus.

 

Ist das Brexit-Referendum also das Ergebnis der wirtschaftlichen Ungleichheit im Lande?

Das ist eine gute Frage. Und ich würde sagen, ja, denn wir haben bisher einfach keinen Weg gefunden, wie man die Vorteile der Globalisierung und der technologischen Revolution so verteilt, dass sie überall ankommen. Das ist ein großes Versäumnis der Politik. Eine sehr wichtige Ursache für die soziale Unzufriedenheit ist die wachsende Konzentration von Einkommen und Vermögen – und diese wurde noch deutlich verschärft durch eine expansive Geldpolitik, die die Preise für Aktien und Immobilien in die Höhe getrieben hat. Diese Schieflage muss nun dringend angegangen werden.

 

Wie könnte das funktionieren?

Das ist nicht ganz einfach. Der erste Schritt wäre ein gemeinsames Verständnis für das Problem: Es geht eben nur vordergründig um Einwanderung. Sie dient als Symbol für eine Globalisierung, von der zu viele Menschen nicht profitieren. Das wurde lange zu wenig beachtet, gerade von liberalen Ökonomen, zu denen ich mich auch zähle. Wir müssen in dieser Beziehung umdenken.

 

Sie erwarten, dass Großbritannien den Brexit relativ unbeschadet übersteht. Gilt das auch für die Eurozone?

Die Eurozone ist in einer heiklen Situation. Die Wirtschaft wächst zwar, aber das Wachstum ist sehr fragil. Das letzte, was die Eurozone braucht, ist neue Unsicherheit durch den Brexit-Schock. Schon jetzt hängt die Eurozone am Tropf einer Zentralbank, deren Instrumente weitestgehend ausgeschöpft sind. Deshalb könnte die Eurozone letztlich stärker unter einem Brexit leiden als Großbritannien.

 

Muss rasch ein Konjunkturprogramm her?

Das würde nur kurzfristig helfen und das Grundübel nicht lösen. Die Probleme der Eurozone liegen viel tiefer und sind sehr vielschichtig. Die EU braucht nachhaltiges Wachstum, schon alleine, um mit der hohen Staatsverschuldung fertig zu werden. Dafür braucht es nicht noch mehr billiges Geld, sondern Reformen, um etwa den Arbeitsmarkt in Italien und in Frankreich flexibler zu machen.

 

Jetzt muss es aber erstmal um Schadensbegrenzung in Sachen Brexit gehen.

Das wäre für Europa sehr wichtig, denn es gibt eine ganze Reihe von neuen Brandherden, die jetzt schon absehbar sind. Wie geht das Referendum über die Verfassungsreform in Italien aus? Was passiert bei den Wahlen in Frankreich und Deutschland im nächsten Jahr?

 

Sollte die EU Großbritannien den Austritt möglichst schwer machen, um ein Exempel zu statuieren?

Das wäre kleinkariert. Natürlich ist es nicht im Interesse der EU, Großbritannien nach einem Austritt besser zu behandeln als einen Mitgliedstaat, gewisse Einschränkungen beim Binnenmarkt werden die Briten wohl hinnehmen müssen. Ich plädiere aber für konstruktive Verhandlungen, die eine positive Botschaft senden – an die Märkte, an den Rest der EU und die Welt. Nun wird sich zeigen, ob Europa die Größe hat, um Streitigkeiten mustergültig zu lösen.

 

Wenn dann aber im Gegenzug die Niederländer, Spanier oder Italiener ein Referendum ausrufen und sich aus der EU verabschieden…

Ich glaube nicht, dass das passiert. Letztlich geht es doch darum, Europa wieder wirtschaftlich erfolgreich zu machen – dann werden viele Menschen die EU auch wieder positiver sehen. Europa ist eine ungeheure politische und wirtschaftliche Errungenschaft, von der die Mitgliedstaaten enorm profitieren können. Wir sollten daran arbeiten, die EU wieder attraktiver zu machen – statt darüber nachzudenken, wie wir diejenigen exkommunizieren, die daran zweifeln.

 

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Die Fragen stellte Katharina Slodczyk.

 

 



David Folkerts-Landau
Chefvolkswirt der Deutschen Bank
 

 

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