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Aktueller Kommentar
Indien und Afrika: Eine Partnerschaft mit weiterem Potenzial

10. November 2015

 

Afrika zieht zahlreiche unterschiedliche Investoren an, die sich zum einen für die Rohstoffe, zum anderen für die rasch wachsenden Märkte des Kontinents interessieren. Sie wollen von Wachstumsraten profitieren, die zu den höchsten der Welt gehören – zwei Drittel der afrikanischen Länder werden in den kommenden Jahren mit Raten von über 5% expandieren –, und die günstige demografische Entwicklung nutzen. Afrikas Bevölkerung wächst rasch, ist sehr jung und lebt zunehmend in den Städten. Derzeit leben schätzungsweise 1,2 Milliarden Menschen auf dem Kontinent, und ihre Zahl dürfte bis zum Jahr 2100 auf über vier Milliarden ansteigen. Projektionen der UN zufolge werden dann rund 40% der Weltbevölkerung in Afrika beheimatet sein. Zwar sind die EU und China weiterhin Afrikas wichtigste Handels- und Investitionspartner und Präsident Obama hat der Partnerschaft zwischen den USA und Afrika neues Leben eingehaucht, aber Indien engagiert sich zunehmend auf dem Kontinent. Und die Beziehungen dürften sich angesichts der ähnlichen Bedürfnisse und Interessen Indiens bzw. Afrikas weiter intensivieren.

Indien hat gute Chancen, seine Präsenz in Afrika auszubauen

Zwar kann wohl kein Land Chinas Rohstoffhunger gleichkommen, aber Indien ist ein großes und rasch wachsendes Land, das in den kommenden Jahren voraussichtlich stärker expandieren wird als China (die Deutsche Bank prognostiziert für Indien bzw. China ein Wachstum von 7,5% bzw. 6,7% im Jahr 2016). Indiens Rohstoffbedarf dürfte im Zuge der von Premierminister Narendra Modi verfolgten „Make in India“-Strategie ansteigen. Dies könnte die Nachfrageverlangsamung in China zum Teil ausgleichen, wenn das Reich der Mitte sein Wirtschaftsmodell von einem investitions- auf ein konsumgetragenes Wachstum umstellt.

Iandiens Wachstumsprofil und Entwicklungsbedürfnisse ähneln denjenigen zahlreicher afrikanischer Länder, die sich in der Entwicklungspolitik ähnlichen Herausforderungen wie Indien – bedingt durch sprachliche, ethnische oder religiöse Spaltungen oder das koloniale Erbe – gegenübersehen. Außerdem ist Indien ebenso wie 18 afrikanische Länder ein Mitglied des Commonwealth. Indiens Unternehmen bieten typischerweise preiswerte Produkte und Dienstleistungen an, sodass sich das Land in einer guten Ausgangsposition befindet, um für Afrika ein attraktiver Handelspartner und Investor zu werden.

Durch den offenen Handel werden historische und kulturelle Beziehungen neu belegt, sodass der Handel zwischen Indien und Afrika in den vergangenen Jahren stetig zugenommen hat (vgl. grüner Bereich in der Grafik). Vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2014 stieg das Volumen des bilateralen Handels von USD 7 Mrd. (3% von Afrikas weltweitem Handelsvolumen) auf USD 65 Mrd. (6%) an. Es entspricht damit lediglich 40% von Afrikas Handel mit China, ist aber ähnlich hoch wie das Handelsvolumen mit den USA. Der Großteil des indisch-afrikanischen Handelsvolumens entfällt auf die Länder südlich der Sahara. Im Jahr 2014 beliefen sich die Exporte des subsaharischen Afrika nach Indien auf USD 30 Mrd. (8% der Gesamtexporte) und waren damit höher als die Exporte in die USA (Anteil: 6%). Bei zwei Dritteln dieser Exporte handelt es sich um Öl und Gas, bei 16% um Gold und Edelsteine. Indiens wichtigste Handelspartner in Afrika sind Nigeria (USD 17 Mrd.), Südafrika (USD 9 Mrd.), Angola (USD 6 Mrd.) und Tansania (USD 5 Mrd.).

Indien braucht immer mehr Rohstoffe. Das Land importierte im Jahr 2014 Rohstoffe im Wert von USD 195 Mrd. und ist vor allem von Rohölimporten (34% der Gesamtimporte), Edelmetallen, anderen Mineralien und landwirtschaftlichen Produkten wie Cashewkernen und Baumwolle abhängig. Mit insgesamt USD 33 Mrd. bzw. 6% war der Anteil der Einfuhren aus Afrika an Indiens Gesamtimporten relativ gering; die wichtigsten Importpartner (China und Golfstaaten) kommen jeweils auf einen Anteil von 13%. Allerdings stammt über ein Viertel von Indiens Öl- und Gasimporten inzwischen aus Afrika, vor allem aus Nigeria und Angola, da das Land auf eine größere Anzahl von Importquellen zurückgreifen will. Nigeria löste vor Kurzem Saudi-Arabien als größter Rohöllieferant für Indien ab. Zwar haben chinesische Ölkonzerne Indien bei der Suche nach Ölquellen in Afrika den Rang abgelaufen, aber indische Öl- und Gaskonzerne sind auf dem Kontinent vertreten. Indien ist für einige afrikanische Länder wie z.B. Tansania, Nigeria, Botswana, Kamerun und Angola ein wichtiger Markt (vgl. Grafik). Es ist inzwischen der größte Abnehmer von nigerianischem Öl. Die Struktur von Afrikas Exporten wird sich ändern, weil der Kontinent zunehmend auf die Verarbeitung seiner Rohstoffe und höherwertige Exporte setzt.

aAfrika hat seinerseits USD 32 Mrd. aus Indien importiert (dies entspricht 5% von Afrikas Gesamtimporten). Afrika ist ein relativ kleiner Exportmarkt für Indien, das vor allem in die USA und die Golfstaaten exportiert (jeweils USD 45 Mrd. im Jahr 2014). Einige afrikanische Länder wie z.B. Tansania, Mosambik, Kenia und Mauritius nehmen jedoch beträchtliche Einfuhren aus Indien vor. Dabei werden je nach Region andere Produkte importiert; ost- und südafrikanische Länder beziehen aus Indien vor allem Raffinerieprodukte, zentralafrikanische Länder Pharmazieprodukte und nordafrikanische Länder Fahrzeuge. Auch Elektrogeräte und Industrieausrüstungsgüter werden von Indien nach Afrika exportiert. (Die Zahlen für das Offshore-Finanzzentrum Mauritius geben den bilateralen Handel nicht zutreffend wieder, weil wegen des attraktiven Steuerregimes zahlreiche ausländische Unternehmen im Land ansässig sind.)

Indiens privater Sektor internationalisiert rasch

Zahlreiche internationale indische Unternehmen verfügen in verschiedenen Sektoren wie z.B. IKT, Energie, Landwirtschaft, Gesundheitswesen und dem Automobilsektor bereits über beträchtliche Beteiligungen und Investitionen in Afrika. Indiens ausländische Direktinvestitionen in Afrika beliefen sich in den Jahren 2003 bis 2012 auf über USD 6 Mrd. und lagen damit an fünfter Stelle nach den USA (USD 10 Mrd.), den Vereinigten Arabischen Emiraten, Frankreich und Großbritannien. Allerdings werden die chinesischen ausländischen Direktinvestitionen Berechnungen von McKinsey zufolge wahrscheinlich unterschätzt. Indien hat Afrika im vergangenen Jahrzehnt Kredite über USD 9 Mrd. zu Vorzugskonditionen gewährt und laut Auskünften der indischen Behörden für die kommenden fünf Jahre weitere USD 10 Mrd. zugesagt. Im Jahr 2014 investierte Indien laut UNCTAD USD 1,1 Mrd. in Projekte auf der grünen Wiese in Afrika (China: USD 6 Mrd.).

Einige indische Konzerne sind seit Jahrzehnten in verschiedenen afrikanischen Ländern und in zahlreichen Sektoren wie z.B. Automobilbau, Telekommunikation und Hotels tätig. Auch indische Pharmaunternehmen treten in Afrika auf und bieten Generika und Impfstoffe zu erschwinglichen Preisen an. Andere Unternehmen interessieren sich für die wachsenden afrikanischen Märkte für Konsumgüter. Bollywood ist ebenfalls in Afrika vertreten; vor allem im Osten und Süden des Kontinents sind indische Filme sehr beliebt. Wie zahlreiche andere Länder sieht Indien Afrika zudem als guten Standort für den Anbau von Lebensmitteln an, denn es gibt reichlich billige Grundstücke, die Wasserversorgung ist günstiger, und die landwirtschaftlichen Betriebskosten sind niedrig. Die afrikanischen Behörden ihrerseits sind sowohl an Investoren als auch an dem Zustrom gut ausgebildeter indischer Landwirte interessiert, die als Unternehmer und Landeigentümer tätig werden.

Indien will in Afrika aufholen

Indien bemüht sich, die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Afrika enger zu gestalten. Seit seinem Amtsantritt im vergangenen Jahr verfolgt Premierminister Modi den strategischen Ansatz, Indiens außenpolitisches Engagement zu stärken und die Handelsbasis seines Landes auszubauen., wenngleich er den afrikanischen Kontinent noch nicht besucht hat. Im Jahr 2008 wurde der Indien-Afrika-Gipfel ins Leben gerufen, um die bilateralen Beziehungen zu stärken und Indiens Abhängigkeit von Europa und Nordamerika zu verringern. Ende Oktober reisten Vertreter der meisten afrikanischen Staaten, darunter Muhammadu Buhari aus Nigeria und Jacob Zuma aus Südafrika, zum dritten solchen Gipfel nach Neu-Delhi.

Außerdem lebt eine beachtliche Zahl von Menschen indischer Abstammung (geschätzt über zwei Millionen) seit Generationen in Afrika, vor allem in süd- und ostafrikanischen Ländern (z.B. Kenia, Tansania, Mauritius und Südafrika). Diese Diaspora bietet weitere Chancen; sie verfügt über gute unternehmerische Kontakte und ist im Vertrieb, im Rohstoffhandel, im verarbeitenden Gewerbe und im Bergbau tätig. In Südafrika leben 1,15 Millionen Menschen indischer Abstammung, die um das Jahr 1900 herum als Plantagenarbeiter einwanderten. Durban gilt aufgrund der großen Zahl indischer Einwohner als „größte indische Stadt außerhalb Indiens“. (Dort übte sich übrigens auch Mahatma Gandhi während seines Aufenthalts von 1893 bis 1914 im gewaltlosen Widerstand gegen die Kolonialmächte, bevor er später die Unabhängigkeitsbewegung in Indien anführte.)

Beziehungen in der Sicherheits- und Entwicklungspolitik werden ebenfalls enger gestaltet

Die Länder entlang der ostafrikanischen Küste (von Somalia bis Südafrika, einschließlich der Inseln) sind wichtige Partner für Indiens Bemühungen, sich zur Führungsmacht im Indischen Ozean zu entwickeln. Dies gilt vor allem für die Bekämpfung der Piraterie, die Sicherung von Schifffahrtsrouten und die Katastrophenabwehr. Indien gehört zu den Ländern, die die größten Beiträge zu UN-Friedens- und sonstigen Missionen in Afrika leisten; es hat seit 1960 über 30.000 Mann entsandt.

Außerdem hat sich Indien in Afrika zu einem wichtigen entwicklungspolitischen Akteur entwickelt. Das Land versucht, das Humankapital in anderen Entwicklungsländern zu verbessern, und hat seit dem Jahr 2011 25.000 Stipendien für afrikanische Studenten an indischen Universitäten bereitgestellt. Zudem beteiligt es sich an der Einrichtung zahlreicher Berufsausbildungsstätten in ganz Afrika, z.B. in Äthiopien, Burundi und Ruanda. Indien hat USD 600 Mio. für Projekte in den Bereichen Bildung, Technologie und Gesundheitswesen zur Verfügung gestellt. Die größte Demokratie der Welt unterstützt afrikanische Regierungen auch zunehmend bei der Entwicklung der Demokratie; sie bietet Schulungen zu elektronischen Wahlsystemen, parlamentarischen Verfahren, einer bundesstaatlichen Organisation und einem unabhängigen Justizsystem zur Stärkung des Rechtsstaats an.

Kurz, Indien ist bereits in Afrika engagiert, und die langjährige Präsenz indischer Geschäftsleute auf dem Kontinent dürfte den Handel und die Investitionen zwischen beiden Ländern stärken, wenn Mängel im Verkehrs- und Logistiksystem sowie im geschäftlichen Umfeld behoben werden. Afrikanische Länder, in denen der Anteil des privaten Sektors an der Wirtschaft größer ist, dürften für Indien attraktiver sein. Premierminister Modi hat versprochen, Indien in der Weltwirtschaft konkurrenzfähiger zu machen, und dabei könnte Afrika eine bedeutsame Rolle spielen.

 

Originalveröffentlichung in englischer Sprache: 6. November 2015.

 

 

 

 

 

 

 

 

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