Deutsche Bank Research
Aktueller Kommentar
Zur Schieflage in der Datenhoheit

10. März 2014

 

Ich nutze das Internet jeden Tag, beruflich wie privat. Tägliche, routinemäßige Handlungen, verbunden mit modernen, web-basierten Technologien erleichtern mir mein Leben. Mit jedem Klick auf Online-Portalen, mit jedem Sprachbefehl auf mobilen Endgeräten oder jeder GPS-Ortung spare ich wertvolle Zeit und Suchkosten. Viele Internet-Dienste erhöhen meine Effizienz, meine Produktivität und meinen Komfort im Alltag. Meine Nachfrage ist bis jetzt auch (noch) ungebrochen. Meine Nutzung der Internet-Dienste ist aber nicht umsonst, sondern hat einen durchaus hohen Preis. Zwar kostet mich die Nutzung kein Geld, sie wird aber mit der mehr oder weniger freiwilligen Preisgabe meiner persönlichen digitalisierten Daten bezahlt.

Daten werden zunehmend zu einem wichtigen volkswirtschaftlichen Produktionsfaktor. Gerade die Nutzung personenbezogener Daten hat einen ökonomischen Wert und weckt bei vielen Akteuren aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik Begehrlichkeiten mit unterschiedlichem Fokus. Primär nähren die Daten bei Vielen die Hoffnung auf steigende Umsätze, aber auch eine bessere Datengrundlage für Prognosen oder die professionelle Erstellung umfassender Profile der Menschen können Treiber sein. Prinzipiell geht es darum, unterschiedliche Datenmengen mit neuen Datensätzen zu kombinieren, eventuelle Muster in diesen kumulierten Daten mit intelligenten Softwareprogrammen aufzuspüren, um anschließend die richtigen (möglichst lukrativen) Schlüsse aus den Ergebnissen zu ziehen. All das wird unter dem Begriff „Big Data“ diskutiert. Einmal erhobene Primärdatensätze können zu unterschiedlichen Zwecken und für unterschiedliche Akteure zweit-, dritt- oder x-fach ausgewertet werden. Dadurch erweisen sich die Daten einerseits als Quelle für Innovation, Kreativität sowie „Out-of-the-box-Denken“ und münden idealerweise in neue Geschäftsideen, Prozesse, Produkte oder Dienstleistungen. Andererseits können und werden sie vielen Menschen aber auch Sorgen und Ängste bereiten, weil die eigene Datenhoheit, also die informationelle Selbstbestimmung, schnell verloren gehen kann.

Aus innovations-und wirtschaftspolitischer Sicht kann mit Besorgnis beobachtet werden, mit welcher Ohnmacht viele Entscheidungsträger, aber auch viele Internetnutzer in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft, zusehen, wie sich das Internet allmählich in eine Spielwiese von nur noch wenigen Akteuren wandelt. Wenige Akteure dominieren den Markt, umzäunen ihre schönen und viel genutzten Gärten und bestimmen für große Teile der Internetnutzer den Innovations- bzw. Technologiekurs. Eine zu Beginn des Internetzeitalters von Vielen erwartete oder gar erhoffte Konsumenten- bzw. Bürgersouveränität im Netz sieht wahrlich anders aus. Die Diskussion wird zusätzlich angeheizt durch die seit Sommer 2013 veröffentlichten Snowden-Dokumente zur Datensammelpraxis vieler Geheimdienste.

Bei all den Wachstumschancen, die das Internet mit sich bringt, werden damit einhergehende Risiken und Probleme vor allem bezüglich des Datenschutzes und potenziellen Datenmissbrauchs gerne ausgeblendet. Insbesondere in die neuen, hochgehandelten Algorithmen zur Reduzierung von Komplexitäten oder zur Erstellung von Berechenbarkeitsanalysen werden hohe Erwartungen gesteckt. Die Realität zeigt jedoch, dass Fragen hinsichtlich dahinterliegender Interessen, Machtverhältnisse, ethische und moralische Gesichtspunkte, Kontrolle, Rechte und Pflichten oftmals nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Meine Verunsicherung als aktiver Internetnutzer steigt, weil ich jeden Tag mit weiteren Ausspähpraktiken oder sonstigem Missbrauch personenbezogener Daten auf On- und Offlinekanälen konfrontiert werde. Mittlerweile achte ich vermehrt darauf, welche Aussagen, Botschaften und Meinungen ich via E-Mail, Messenger, SMS, aber auch am Telefon von mir gebe. Zuletzt habe ich auch die Webcam am oberen Ende meines Notebooks zugeklebt, weil ein Fremdzugriff technisch möglich ist und Missbräuche bereits diskutiert wurden.

Es stellt sich mir die Frage, ob sich die digitalen Ökosysteme, die Geheimdienste oder sonstige Akteure im Internet durch ihre Geschäftspraktiken mittel- bis langfristig nicht selbst schaden (für Unternehmen: „ihre Geschäftsgrundlage unterminieren“), weil das Misstrauen steigt und die Bereitschaft, sich unbehelligt (oder ungeschützt) in digitalen Kanälen aufzuhalten, allmählich sinken könnte. Die daraus resultierende Konsequenz ist ein sich allmählich anpassendes und sich veränderndes Mediennutzungs- und Konsumverhalten vieler Internetnutzer. Der volkswirtschaftliche Schaden könnte branchenübergreifend und für alle Anbieter web-basierter Technologien spürbar werden. Denn die größten Hürden für jede neu in den Markt eintretende Technologie sind mangelnde Akzeptanz und sinkendes Vertrauen der Nutzer. Letzteres ist bereits angekratzt.

Einige Akteure im Netz sind gut beraten, wenn sie darüber nachdenken, was passieren würde, wenn immer mehr Internetnutzer anfangen, die angebotenen Produkte und Dienste zu meiden oder sie zu substituieren, wie jüngst Berichte zur Übernahme eines beliebten Messenger-Dienstes durch eine soziale Netzwerkplattform zeigen. Was, wenn die Angst der Menschen so groß wird, dass sie doch wieder lieber (anonym) im Laden um die Ecke einkaufen, anstatt auf den zugegeben bequemen und „alles-aus-einer-Hand“-Online-Plattformen? Was, wenn die Menschen ihre Haushaltsgegenstände weder miteinander noch mit dem Internet verbinden möchten, weil sie eben doch dauerhaft Wert auf ihre Privatsphäre legen? Was, wenn die Menschen keine automatisierten und vernetzten Fahrzeuge kaufen, weil sie nicht möchten, dass manche Akteure wissen, wohin sie fahren und was sie im Auto machen? Was, wenn die Menschen keine web-basierten Brillen kaufen, weil sie nicht möchten, dass einige Akteure 1:1 sehen, was sie sehen? Was, wenn die Menschen keine web-basierten Uhren kaufen, weil sie nicht möchten, dass einige Akteure durch ihre intelligent platzierten Sensoren ihre Schwächen und Krankheiten erkennen?

Was also, wenn viele Menschen allmählich erkennen, dass ihnen einige Akteure auf Schritt und Tritt im Alltag folgen, sie beobachten und sie mit individuellen Werbebotschaften manipulieren? Natürlich ist vielen klar, dass sie an einigen Internet-Diensten im Alltag nicht vorbeikommen. Sollten die Datensammelaktivitäten einiger Akteure aber ungebändigt weitergehen, könnten früher oder später mehr Menschen erkennen, dass sie allmählich selbst zum gehandelten Gut geworden sind, dass sie permanent mit intransparenten Strukturen zu kämpfen haben, keine Kontrolle mehr über die Sicherheit der angebotenen Systeme, über eventuelle Zugriffe oder Löschung ihrer persönlichen Daten haben. Es wird sich die Erkenntnis verbreiten, dass es zu einer massiven Schieflage in der Datenhoheit gekommen ist. Dann wird es für manche Akteure im Netz immer schwieriger, ihre Geschäftsmodelle auszubauen. Denn einige Menschen werden dann ihr Mediennutzungs- und Konsumverhalten aufgrund des Datenmissbrauchs bereits angepasst haben. Die Adaptionsgeschwindigkeit moderner web-basierter Technologien könnte einen Dämpfer bekommen oder sogar sinken. Im gleichen Atemzug wird das Bedürfnis nach sicheren digitalen Kanälen außergewöhnlich stark steigen. Nur mit dem Unterschied, dass viele Menschen den Akteuren kein Vertrauen mehr schenken werden, selbst wenn sie versprechen, sorgfältig und sparsam mit personenbezogenen Daten umzugehen. Denn, wer einmal lügt…

 

Grafik: Oliver Ullmann. Deutsche Bank Research.
Quelle: Dapp, T. (2014). Big Data – die ungezähmte Macht. Deutsche Bank Research. Frankfurt am Main.

 

Dieser mögliche schmerzhafte Dämpfer in der Entwicklung der Digitalisierung wird sicherlich nicht von heute auf morgen kommen, aber einige Akteure werden mittel- bis langfristig das sich verändernde Konsumverhalten der Menschen auf ihrer Habenseite zu spüren bekommen. Jetzt besteht noch die Möglichkeit, Maßnahmen einzuleiten, um das Vertrauen der Menschen in digitale Kanäle wieder herzustellen.

Hier steht doch viel mehr auf dem Spiel als irgendwelche neuen Dienste einzelner sozialer Netzwerkplattformen oder neue Features web-basierter Endgeräte. Es geht um die ureigene Funktion des Internets als Katalysator für Innovation und Wachstum. Hier stehen die grundlegenden Prinzipien des Internets, wie Freiheit, Innovationsfähigkeit, Partizipation, Transparenz und Offenheit, aber auch die Möglichkeit der Anonymität auf dem Prüfstand. Die durchaus wünschenswerte Konvergenz von Informations- und Telekommunikationstechnologien wird unsere Welt verändern und wertvolle Brücken schlagen zwischen der digitalen und der analogen (realen) Welt. Es wird zur Verschmelzung von Branchen, Produkten, Dienstleistungen und Prozessen kommen. Die Digitalisierung der Lebensbereiche verändert den sozialen und wirtschaftlichen Alltag der Menschen und schafft neue Werte. Die Digitalisierung von Geschäftsprozessen geht einher mit diversen ökonomisch wertvollen Öffnungsbewegungen in Wirtschaft (Open Innovation), Wissenschaft (Open Science), Politik (Open Government/Open Data) und Gesellschaft (Open/Free Culture). Zudem stellt der digitale Strukturwandel immer wieder traditionelle Geschäftsmodelle, Arbeitsorganisationsformen sowie Kooperationsmodelle infrage und bietet Raum für Reibung und Experimente. Experimente bedeuten Innovation und Innovation bedeutet Wachstum und Wohlstand. Es werden z.B. neue Berufe, Ausbildungsgänge und Lehrstühle entstehen, weil viele Entwicklungen und Auswirkungen des Internets noch weitgehend unerforscht sind. Wollen wir das wirklich alles aufs Spiel setzen, nur weil sich einige Akteure im Internet nicht an Regeln halten wollen? Das Internet ist kein rechtsfreier Raum.

Im Vergleich zu den Effizienz- und Produktivitätspotenzialen, die das Internet den Menschen in einer global vernetzten Welt langfristig bescheren kann, dürfen Gewinnmaximierungsbedürfnisse einzelner Akteure auf Kosten der Datensicherheit nur eine sekundäre Rolle spielen, wenn es darum geht, gemeinsame Regeln für die Nutzung in virtuellen Räumen aufzustellen. Wie bei jeder neuen und r(e)volutionären Bewegung eröffnen sich Chancen, aber auch Risiken. Beide Ausprägungen sollten jetzt, in diesem frühen Stadium der Entwicklung, transparent und breit diskutiert werden. Aus deutscher bzw. europäischer Perspektive sollten aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit jetzt günstige Rahmenbedingungen geschaffen werden, um die Potenziale vieler Internet-Technologien zu stimulieren und nicht zuletzt, um die Lücke zu den USA hinsichtlich der Durchdringung web-basierter Technologien nicht zu vergrößern. Gleichzeitig müssen unverhältnismäßige und rechtlich sowie moralisch fragwürdige Praktiken des Datenmissbrauchs durch europäische, idealerweise über Europa hinaus geltende datenschutzrechtliche Bestimmungen eingeschränkt werden.

Mit den notwendigen (idealerweise international geltenden) Rahmenbedingungen soll eine Balance geschaffen werden, welche die Chancen der Entwicklung von Internet-Technologien beflügeln, ohne die Risiken zu stark in den Mittelpunkt zu stellen. Dieser Balanceakt wird kein einfacher sein, sollte aber möglichst zeitnah auf internationaler Ebene gelöst werden. Für viele künftige Probleme und Fragen wird es keine perfekten Lösungen oder endgültigen Antworten geben. Die Herausforderung liegt mitunter darin, einen Weg zu finden, moderne Technologien und Methoden nutzenstiftend in den Alltag der Menschen zu integrieren, ohne dass Freiheitsrechte verletzt werden, Diskriminierungen oder Manipulationen stattfinden oder die Angst der Menschen steigt, sich in virtuellen Räumen zu bewegen. Letzteres wäre aus innovations- und wachstumspolitischer Sicht fatal und würde eine rohstoffarme, dafür wissensintensive Volkswirtschaft wie Deutschland im internationalen Wettbewerb eher wieder ins späte 20. Jahrhundert zurück katapultieren.

 

Siehe auch:

FAZ-Interview: Wir verlieren die Hoheit über unsere Daten
Zur Studie: Big Data - die ungezähmte Macht

 

 

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